Home Internetrecht Entscheidungen

BGH: Preisvergleichsplattform für zahnärztliche Leistungen nicht berufsrechtswidrig

Anwalt Berlin Mitte Internet RechtsanwaltPreisvergleichsplattformen im Internet gewinnen immer mehr an Beliebtheit. Verglichen werden können hier nicht nur die Preise von Waren, sondern immer öfter auch von Dienstleistungen. Ganz unabhängig davon, dass bei der Wahl geeigneter Anbieter hochspezialisierter Dienstleistungen nicht vordergründig auf den Preis abgestellt werden sollte,  ist die Teilnahme an derartigen Portalen für die Angehörigen bestimmter Berufsgruppen standesrechtlich und wettbewerbsrechtlich bedenklich.

Im Fall von zahnärztlichen Leistungen hatte sich der BGH mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sich Zahnärzte wettbewerbswidrig verhalten, wenn sie zu Akquisezwecken online alternative Kostenschätzungen zu von Usern eingereichten Heil- und Kostenplänen einstellen, wobei im zu entscheidenden Fall für das Zustandekommen von Behandlungsverträgen ein Entgelt zu zahlen war. Im Gegensatz zu den Vorinstanzen hielt das Gericht diese Geschäftspraxis für zulässig.

Die entsprechende Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs stellen wir Ihnen im Anschluss im Volltext zur Verfügung.

Autor: Rechtsanwalt Axel Kujawa

Bei Fragen zum  Internetrecht steht Ihnen Rechtsanwalt Kujawa gern zur Verfügung.

Bauersfeld & Partner | Rechtsanwälte | Friedrichstrasse 41 | 10969 Berlin | Tel.: 030-2593262-0

Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs Nr. 230/2010

Die Beklagte betreibt eine Internetplattform, auf der Patienten den Heil- und Kostenplan ihres Zahnarztes einstellen und alsdann andere Zahnärzte innerhalb einer bestimmten Zeit eine alternative eigene Kostenschätzung abgeben können. Dem Patienten werden sodann die fünf preisgünstigsten Kostenschätzungen ohne Angabe der Namen und Adressen der Zahnärzte mitgeteilt. Sofern er sich für eine der Kostenschätzungen entscheidet, übermittelt die Beklagte die jeweiligen Kontaktdaten an beide Seiten. Wenn daraufhin ein Behandlungsvertrag mit diesem Zahnarzt zustande kommt, erhält die Beklagte von dem Zahnarzt ein Entgelt in Höhe von 20% des mit dem Patienten vereinbarten Honorars. Nach der Behandlung geben die Patienten auf der Plattform der Beklagten eine Beurteilung des ihnen vermittelten Zahnarztes ab, in der sie insbesondere angeben können, ob sich der betreffende Zahnarzt an seine Kostenschätzung gehalten hat.

Die Kläger, zwei in Bayern tätige Zahnärzte, sind der Ansicht, dass die Beklagte die an ihrem Geschäftsmodell teilnehmenden Zahnärzte zu Verstößen gegen Vorschriften in der Berufsordnung für die bayerischen Zahnärzte und damit auch zu einem wettbewerbswidrigen Verhalten verleitet. Das Landgericht München I und das OLG München haben der gegen die Beklagte erhobenen Unterlassungsklage stattgegeben. Der Bundesgerichtshof hat diese Urteile nun aufgehoben und die Klage abgewiesen.

Es ist - so der BGH - nicht zu beanstanden, wenn ein Zahnarzt, auf den ein Patient mit einem von einem anderen Zahnarzt erstellten Heil- und Kostenplan und der Bitte um Prüfung zukommt, ob er die Behandlung kostengünstiger durchführen kann, eine alternative Kostenberechnung vornimmt und, sofern sich der Patient daraufhin zu einem Zahnarztwechsel entschließt, auch dessen Behandlung übernimmt. Das beanstandete Geschäftsmodell erleichtert ein solches Vorgehen und ermöglicht es dem Patienten, weitergehende Informationen zu den Behandlungskosten zu erhalten. In diesem Sinne dient das Verhalten der Zahnärzte, die sich durch die Abgabe von Kostenschätzungen am Geschäftsmodell der Beklagten beteiligen, den Interessen der anfragenden Patienten. Dementsprechend kann in einem solchen Verhalten nicht zugleich ein dem Grundsatz der Kollegialität zuwiderlaufendes und deshalb berufsunwürdiges Verdrängen von anderen Zahnärzten aus ihrer Behandlungstätigkeit gesehen werden.

Soweit die Zahnärzte der Beklagten für jeden über die Plattform vermittelten Patienten, mit dem ein Behandlungsvertrag zustande kommt, ein Entgelt zahlen, verstoßen sie im Übrigen auch nicht gegen die Bestimmung der Berufsordnung, die es ihnen verwehrt, für die Zuweisung von Patienten ein Entgelt zu gewähren. Die Leistung der Beklagten besteht nicht in der Zuweisung von Patienten, sondern im Betrieb ihrer Internetplattform, über die Patienten und Zahnärzte miteinander in Kontakt kommen.

Urteil vom 1. Dezember 2010 - I ZR 55/08 - Zahnarztpreisvergleich

OLG München - Urteil vom 13. März 2008 - 6 U 1623/07 - MedR 2008, 509

LG München I - Urteil vom 15. November 2006 - 1 HKO 7890/06 – M

Neuere Artikel:
Vorige Artikel:
 
Internetrecht Aktuelles
Internetrecht-EntscheidungenBGH zu Postfach als Widerrufsadresse bei Fernabsatzverträgen
27.01.2012 | Rechtsanwalt Kujawa

Bei Fernabsatzgeschäften, unter anderem also auch bei Online-Käufen, muss der Verbraucher über sein gesetzliches Widerrufsrecht und die Einzelheiten der Ausübung informiert werden. Dabei muss insbesondere a [ ... ]


Internetrecht-EntscheidungenDENIC muss Domainnamen in Fällen eindeutigen Missbrauchs löschen
01.11.2011 | Rechtsanwalt Kujawa

Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte sich in einer Entscheidung vom 27. Oktober 2011 erneut mit der Frage auseinanderzusetzen, unter welchen Voraussetzungen die DENIC die Registrierung eines beanstandeten Domain-N [ ... ]


Internetrecht-EntscheidungenBGH zur Verantwortlichkeit eines Hostproviders für einen das Persönlichkeitsrecht verletzenden Blog-Eintrag
25.10.2011 | Rechtsanwalt Kujawa

Der VI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) hat sich in einer Entscheidung vom heutigen Tage mit der Frage auseinander gesetzt, unter welchen Umständen der Hostprovider eines Webblogs für die Verbreitung  [ ... ]


Internetrecht-EntscheidungenBGH zu Angebot in einer falschen Suchrubrik einer Internethandelsplattform
07.10.2011 | Rechtsanwalt Kujawa

Das Einstellen eines zum Verkauf angebotenen Gegenstands in einer falschen Rubrik einer Online-Verkaufsplattform wie ebay ist u.U. als unwahre Angabe zu qualifizieren. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat sich mit  [ ... ]


Weitere Artikel